Die Liminalität der Schwangerschaft: Eine neue Perspektive für das Verständnis des weiblichen Erlebens

Die Schwangerschaft ist ein bedeutender Lebensabschnitt für Frauen, der – wie man heute weiss – stärkere Veränderungen mit sich bringt, als die Pubertät. Doch während die Schwangerschaft auf verschiedenen Ebenen Gegenstand von zahlreichen Diskussionen und Studien ist, gibt es einen Aspekt, der bisher oft vernachlässigt wurde: die Liminalität der Schwangerschaft.

Liminalität bezeichnet den Übergangszustand zwischen zwei klar definierten Zuständen und wird in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen untersucht. Indem wir den Begriff der Liminalität auf die Schwangerschaft anwenden, eröffnen wir einen neuen Blickwinkel, der Frauen dabei hilft, ihr eigenes Erleben besser zu verstehen.

Die Schwangerschaft als liminalen Prozess zu betrachten bedeutet, sie als eine Zeit des Übergangs, der Veränderung und des Wandels zu begreifen. Es ist ein Zustand, in dem eine Frau physisch, emotional und sozial eine Transformation durchläuft. Dieser Übergang geht über die blosse physische Veränderung hinaus und betrifft auch die Identität, die Beziehungen und die Wahrnehmung der Welt.

Die Schwangerschaft als liminalen Prozess anzuerkennen, bedeutet ein grosses, fettes „Fuck you“ ans patriarchale Narrativ, das eine Schwangerschaft als wunderschön, aber vor allem auch als absolut erfüllend inszeniert.

Nadja Brenneisen, Doula und Journalistin

Indem wir die Schwangerschaft als liminalen Prozess betrachten, können wir das besondere Erleben und die Bedeutung dieses Übergangs anerkennen. Frauen, die schwanger sind, haben oft das Gefühl, zwischen den Welten zu schweben – zwischen dem alten Selbst und der neuen Rolle als Mutter. Indem wir den Begriff der Liminalität einführen, geben wir ihnen eine Sprache, um diese Erfahrung zu beschreiben und zu verstehen.

Liminalität: Schwangerschaft als Durchgangsraum, der vulnerabel macht.

Ein Beispiel ist die Etablierung des Begriffs „Muttertät“ im deutschen Sprachgebrauch, der Frauen recht gibt, wenn sie den Transfer in die Mutterschaft als längere Phase erleben, die ihre Herausforderungen mit sich bringt.

Die Etablierung des Begriffs der Liminalität und der Muttertät trägt dazu bei, die Erfahrungen und Herausforderungen von Frauen während der Schwangerschaft sichtbar zu machen. Es ermöglicht ihnen, ihr eigenes Erleben besser zu verstehen und sich mit anderen Frauen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen machen. Zudem fördert es eine gesellschaftliche Anerkennung der Komplexität und Bedeutung der Schwangerschaft.

Es ist an der Zeit, dass wir den Fokus auf die liminale Natur der Schwangerschaft lenken und den Begriff der Liminalität fest in unseren Diskurs integrieren. Indem wir Frauen dabei unterstützen, ihr eigenes Erleben zu verstehen und anzunehmen, schaffen wir eine Grundlage für eine stärkere Gleichberechtigung und Wertschätzung der Mutterschaft in unserer Gesellschaft. Die Schwangerschaft ist ein einzigartiger Übergangszustand, der es verdient, angemessen gewürdigt zu werden.

Aber was macht die Schwangerschaft zu einem liminalen Prozess?

Die Schwangerschaft wird als liminaler Prozess betrachtet, da sie verschiedene Merkmale aufweist, die typisch für liminale Übergänge sind. Hier sind einige Punkte, die verdeutlichen, warum die Schwangerschaft als liminaler Prozess betrachtet werden kann:

  1. Übergangszustand: Die Schwangerschaft markiert einen Übergangszustand im Leben einer Frau. Sie befindet sich zwischen dem Zustand der unschwangeren Frau und dem Zustand des Mutterseins. Es ist ein Zeitraum, in dem sich ihr Körper, ihre Identität und ihre Beziehungen allmählich verändern.
  2. Unsicherheit und Doppeldeutigkeit: Während der Schwangerschaft gibt es oft Unsicherheiten und Doppeldeutigkeit. Frauen erleben Veränderungen in ihrem Körper, die mit einer Vielzahl von körperlichen Symptomen und Emotionen einhergehen. Sie sind möglicherweise nicht sicher, was genau zu erwarten ist und wie sich ihr Leben mit dem kommenden Kind verändern wird.
  3. Transformation und Wachstum: Die Schwangerschaft ist eine Zeit intensiven Wandels und Wachstums. Sowohl der Körper als auch das Bewusstsein der Frau passen sich an die neue Situation an. Sie entwickelt sich nicht nur physisch, sondern auch emotional und psychologisch weiter.
  4. Rituale und Übergangsriten: In vielen Kulturen gibt es spezifische Rituale und Übergangsriten, die mit der Schwangerschaft verbunden sind. Diese Rituale markieren den Übergang von einer nicht-schwangeren Frau zu einer schwangeren Frau und dienen dazu, den Übergang zu feiern und sozial anzuerkennen.
  5. Zeit der Vorbereitung: Die Schwangerschaft bietet auch eine Zeit der Vorbereitung auf die bevorstehende Mutterschaft. Frauen nehmen sich Zeit, um sich auf die Ankunft des Kindes vorzubereiten, sei es durch die Gestaltung des Kinderzimmers, den Erwerb von Babyausstattung oder die Auseinandersetzung mit Erziehungsmethoden.

Diese Merkmale der Schwangerschaft als liminaler Prozess zeigen, dass es ein Zeitraum des Übergangs, der Veränderung und der Unsicherheit ist, die besonders vulnerabel macht. Indem wir die Schwangerschaft als liminalen Prozess werten, können wir das besondere Erleben und die Bedeutung dieses Übergangs anerkennen und Frauen dabei unterstützen, ihren eigenen Weg durch diese transformative Phase zu finden.

Lasst uns deshalb den Begriff der Liminalität im Kontext der Schwangerschaft verbreiten.

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